Der Apotheker

Cafés sind für viele Menschen eine Art erweitertes Wohnzimmer, wo man sich wohl, oft sogar wie zuhause fühlt und sich etwas Gutes tut, ins Gespräch kommt. Damit man unser erweitertes Wohnzimmer betreten darf, benötigt man neuerdings ein Zertifikat, welches attestiert, dass man geschlumpft ist, genossen hat oder getoastet ist – oder so ähnlich (die Begriffe der Experten wechseln stündlich). Menschen, die «nur» gesund sind, müssen wie langhaarige Hunde vor der Tür bleiben. Das erinnert unweigerlich an Molieres berühmtes Theaterstück «Der eingebildete Kranke». Jede und jeder gilt ab sofort als grundsätzlich krank. Ein fabelhaftes Geschäft für die Pharmakonzerne, Apotheker, Ärzte und Psychiater für Angstneurosen. Ebenso scheinen andere Krankheiten verschwunden zu sein. Es existiert nur noch dieser eine Kult um das Krönchenvirus. Menschen mit beispielsweise Krebs oder anderen schweren Krankheiten sind quasi Kranke zweiter Klasse geworden, mit knappem Vorsprung auf die nichtzertifizierten Gesunden. Wer diesen Panikzirkus auch nur ein wenig in Zweifel zieht, der wird sogleich vom Amboss der empörten Moral erschlagen. Die Moralisten sitzen auf einem dermassen hohen Ross, dass es sich eigentlich schon eher um eine Giraffe handeln muss. Möchte man irgendwann doch davon absteigen, besteht aber die Gefahr, dass man sich dabei das Genick bricht. Dann lässt man es also besser bleiben und zeigt weiterhin mit dem Finger auf jene Fatalisten, die alles und jeden in ihr Wohnzimmer lassen, so wie ich, Francesco Holenstein. Dass die fragwürdigen, weltweiten Massnahmen Dutzende Millionen Kinder zusätzlich mit dem Hungertod bedrohen, steht im Katalog der Moralisten unter ferner liefen – wenn überhaupt.

Sehr viele finden es grossartig, dass ich mich diesem Apartheidregime verweigere, selbst einige Polizisten, die so gar keinen Bock auf diese schräge neue Gesundheitsaposteldoktrin haben. Selbstverständlich habe ich auch einige kritische Mails bekommen. Manche waren richtig frech. Aber das mit Abstand Bösartigste kam ausgerechnet von einem Apotheker, einem unbestrittenen Profiteur dieser unheiligen Entwicklung. Ich war platt. Nachdem die Gastronomie ohne wissenschaftlich-medizinische Evidenz über bald zwei Jahre hinweg grösste Opfer gebracht hatte, sollte sie mit der Zertifikatskontrolle nun auch noch gezwungen werden, auf die Hälfte ihrer Kundschaft zu verzichten. Während der Öffentliche Verkehr, der private Verkehr im Rotlichtgewerbe und auch die überrannten Apotheken aus unerfindlichen Gründen von solcher Massnahme verschont blieben und sich letztere sogar eine goldene Nase verdienten, spielte sich nun also ironischerweise ein Apotheker als moralischer Heuchler … moralische Instanz auf. Nein, so etwas kann man sich nicht ausdenken. Jener Apotheker hat eine Glatze: Genauso wie der moralisch motivierte Krankheitsminister mit parlamentarisch anerkannter Herdenimmunität, die ihn berse auch bei seinen promiskuitiven Freizeitbeschäftigungen schützt. Gibt es da etwa ein Muster? Im Roman des Holocaustüberlebenden und Erfolgsschriftstellers Ephraim Kishon «Mein Kamm» sind die Glatzköpfigen für das ganze Unheil, das übers Land gekommen ist, verantwortlich. In diesem satirischen Werk beschreibt Kishon, wie sich aus einem reißerischen Zeitungsartikel eine nationale Bewegung zur Vernichtung aller Glatzköpfe entwickelt. Fazit: Glatzköpfige müssen draussen bleiben! Oder ihre Haarpracht beweisen!

http://www.thomas-braendle.ch/buecher/index.html

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