Kaffeehauskolumne

Das Zertifikat

Mein Name ist Francesco Holenstein. Ich bin Bäcker-Konditor-Confiseur und führe zusammen mit meiner ungarischen Frau Anniko ein kleines Café mit Bäckerei und Konditorei in der Zentralschweiz. Cafés sind für viele Menschen eine Art erweitertes Wohnzimmer, wo man sich wohl, oft sogar wie zuhause fühlt und sich etwas Gutes tut. Wir sind gerne Gastgeber. Viele Gäste kommen so oft zu uns, dass sie eigentlich zusätzlich Miete zahlen sollten.

Das hat sich aber seit einigen Tagen drastisch geändert. Neuerdings muss man seine Gesundheit beweisen, um sich in unser Café setzen zu dürfen. Das kann man mit einem Zertifikat, das alle zwei Tage erneuert werden muss. Das ist so schräg, dass man das gar nicht erfinden kann. Meine Frau Anniko und ich finden das jedenfalls sehr seltsam und verzichten deswegen darauf. Trotzdem bleiben viel Gäste nun weg. Manche fürchten sich vor einer seit gefühlt 10 Jahren kursierenden Krankheit, anderen fehlt das Verständnis für unsere Verständnislosigkeit und wiederum andere fürchten sich vor den kontrollierenden Behörden, meist Polizisten.

Ich sass gerade mit unserem vierjährigen Florian am Tisch, als bereits zum zweiten Mal innert weniger Tage drei Polizisten unser Café heimsuchten - ohne etwas zu konsumieren. Das erste Mal waren es noch zwei. Was kommt als nächstes? Tigris in Begleitung des Ferndiagnosegefälligkeitsgutachtenpsychiaters des eidgenössischen Krankheitsministers? Ein Mann, der seinen Landsleuten Abstand verordnet, selber aber sogar beim ausserehelichen Verkehr entschieden auf Plexiglas verzichtet. Florian jedenfalls freute sich, gleich drei leibhaftige Polizisten in Unform so nah zu sehen. Dass er mich sofort verhaften lassen wollte, weil ich ihm ein Eis vor dem Mittagessen verweigerte, war da natürlich unvermeidlich.

Das martialische Auftreten von nun bereits drei Uniformierten ängstigte mich dann doch ein wenig. Gab es in unserem Haus etwa eine Geiselnahme oder eine Bombendrohung von der ich noch nichts wusste? Der eine Polizist steuerte unvermittelt auf die ältere Dame– zu jenem Zeitpunkt der einzige Gast – im hinteren Bereich des Cafés zu. Tatsächlich war mir die überdimensionierte Handtasche sofort aufgefallen. Eine tickende Zeitbombe? Eine geladene Kalaschnikow? Heutzutage müssen viele Rentner knapp durch und bessern sich mit der einen oder anderen Aktivität ihren Lebensunterhalt auf.

«Haben Sie ein Zertifikat?», fragte er die Dame unverhohlen und ohne sie zu begrüssen oder sich vorzustellen. Das könnte die Dame provozieren, dachte ich, denn immerhin trug der Fragende nebst einer Waffe auch noch eine Maske. Ich duckte mich zusammen mit meinem Sohn instinktiv unter den Tisch. Als nichts passierte, kamen wir nach fünf Minuten wieder hoch. Die Dame hatte offenbar ein Zertifikat. Glück gehabt!

Ich hoffe nicht, dass mein Sohn nun immer noch von der Tätigkeit eines Polizisten so beeindruckt ist, dass er diesen Beruf ernsthaft ins Auge fassen möchte. Alte Frauen einschüchtern und zu dritt in leergefegten Kaffeehäusern rumlungern ist nun wirklich keine erbauliche Tätigkeit, die dem Leben Sinn gibt.

 

http://www.thomas-braendle.ch/buecher/index.html

0
Feed